Vor einigen Monaten sah ich mir ein Video von Gavin Ortlund zum Thema „Third Wayism“ an und ich merkte, wie er mir in vielen Punkten aus der Seele sprach. In einer Zeit, die sich in meinen Augen politisch immer mehr polarisiert, stellt sich für uns Christen wieder ganz neu die Frage: Wo ist in all diesen Debatten unser Platz? Wie sollen wir uns politisch positionieren? Oder sollen wir uns überhaupt politisch positionieren? Die Antworten auf diese Fragen spalten die Christenheit und gerade in den USA ist eine Antwort auf diese Frage umso schwerer, wen man bedenkt, dass eben nur zwei Parteien zur Wahl stehen. Das Konzept eines „dritten Weges“ ist in der Politik nichts Neues. In der Regel sucht man darin die wahre Lösung, welche in der Konfrontation der beiden Hauptansichten nicht gefunden werden kann. Für uns Christen sollte dieser dritte Weg jedoch nicht in einer politisch moderaten Mitte oder noch extremeren Flügeln zu finden sein, sondern vielmehr in Jesus, von dem wir ja alle wissen, dass sein Reich eben nicht von dieser Welt ist und das seine Weisheit der menschlichen Weisheit oftmals diametral entgegensteht.
Mir geht es an dieser Stelle nicht um die Frage, in welchem Ausmaß wir als Christen auch in politischer Hinsicht eine Verantwortung haben. Mir macht es vielmehr Sorge, inwieweit sich auch Christen politisch polarisieren lassen und ihre ganze Hoffnung in politische Systeme und Parteien setzen, egal ob rechts, links oder in der Mitte. Mein Wunsch ist vielmehr, dass wir als Christen geprägt sind von Gelassenheit, Zuversicht und Liebe. Nicht weil wir die Herausforderungen um uns herum wegignorieren, oder weil wir im Angesicht dieser ganzen Probleme resignieren, sondern weil wir uns an Jesus halten der in Joh 16,33 sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Gleichzeitig spielt der Weg Jesu ja nicht nur dann eine Rolle, wenn wir uns für politische Themen und unsere gesellschaftliche Verantwortung interessieren, sondern auch im familiären, beruflichen und gemeindlichen Alltag. Denn dort sind wir ja von ganz ähnlichen Problemen betroffen, wie in der ganzen Gesellschaft.
Wie sieht denn nun dieser Weg Jesu aus? Naja, am besten nehmen wir einfach die Bibel zur Hand und lesen, was Gott dazu sagt. Trotzdem habe ich für uns mal drei Aspekte hervorgehoben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen, auch wenn sich dazu noch viele weitere wichtige Punkte aufzählen lassen würden:
Von innen heraus verändert
Jesus setzt seinen Fokus auf die innere Veränderung des Menschen. Ich bin manchmal überrascht, wie wenig politische Statements wir im Neuen Testament finden, obwohl die damalige politische Situation im Römischen Reich sehr viel Anlass gegeben hätte, sich klar zu gewissen Fragestellungen zu positionieren. Nehmen wir einmal das Beispiel der Sklaverei.
Anstatt die Zustände im Römischen Reich anzuprangern und Freiheitskämpfe zu organisieren, betonen Petrus und Paulus vielmehr, dass sich die Sklaven ihren Herren unterordnen sollen, genauso wie ihrem himmlischen Herrn. Petrus fügt in 1Petr 2,18 sogar noch hinzu, dass dies nicht nur bei freundlichen, sondern auch bei ungerechten Herren gilt. Jesu Hauptziel ist also nicht die Veränderung äußerer Umstände in einer vergänglichen Welt, sondern die Veränderung unserer Herzen für die Ewigkeit
Das bedeutet nicht, dass wir als Christen keinerlei Verantwortung für unsere Gesellschaft haben. Gerade in Bezug auf die Sklaverei sind uns William Wilberforce und seine Mitstreiter bis heute ein wunderbares Vorbild darin, was Christen, die sich von ihrem Glauben leiten lassen, auch in der Gesellschaft bewirken können. Aber jede Veränderung der Gesellschaft verpufft, wenn keine Herzen verändert werden, wie wir gerade am Beispiel der Sklaverei sehr gut sehen können.
In der Finsternis leuchtend
Ein zweiter Aspekt, der mir unter vielen Christen auffällt, ist unser Umgang mit dem Thema Endzeit. Zum einen besteht ein sehr großes Interesse darin, herauszufinden, wie alles genau passieren wird und wie wir aktuelle politische Ereignisse in die biblischen Prophezeiungen einordnen. Zum anderen sind die Konsequenzen daraus häufig Angst, Sorgen, Rückzug und Abschottung. Vor kurzem erst erzählte mir eine Frau, dass wir als Christen einen Plan B brauchen, wenn die Verfolgung schlimmer wird, damit wir dann ins Ausland fliehen können. Davon hat sie ein Prophet auf YouTube überzeugt. Wenn ich meine Bibel aufschlage, entdecke ich darin einen ganz anderen Umgang mit dem Thema Bedrängnis und Verfolgung. Nachdem Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat Rechenschaft abgelegt hatten, betete die Jerusalemer Gemeinde in Apg 4,24-30 nicht etwa für ein Ende der Verfolgung oder den Tod der Verfolger, sondern für Freimut, trotz aller Widrigkeiten, das Evangelium treu zu verkündigen. Wenn Paulus in Röm 13,11-14 feststellt, dass die Nacht vorgerückt ist und das Ende dieser Welt näherkommt, fordert er die Gemeinde nicht auf, sich abzuschotten, um nicht von der Bosheit dieser Welt angesteckt zu werden. Paulus schreibt vielmehr in Röm 13,12: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ Und damit wir auch die „Waffen des Lichts“ nicht missinterpretieren betont er anschließend, dass es darum geht, Jesus anzuziehen, ihm immer ähnlicher zu werden. Und auch der Hebräerbriefschreiber macht deutlich, dass wir im Angesicht der Wiederkunft Jesu umso mehr aufeinander achthaben sollten, indem wir uns zur Liebe und zu guten Werken anspornen (Hebr 10,23-25).
Die Botschaft der Bibel ist also relativ klar: Umso größer die Finsternis um uns herum ist und umso näher die Wiederkunft Jesu heranrückt, desto heller sollen wir strahlen als Leuchttürme der Hoffnung, der Liebe, der Zuversicht und der Gelassenheit. Auch hier geht es Jesus wieder um die Veränderung unserer Herzen.
Im Leiden mit Freude erfüllt
Schließlich fällt mir auf, dass viele von uns, mich selbst eingeschlossen, Probleme mit dem Thema „Leiden“ haben. Vermutlich liegt das daran, dass die äußeren Umstände, die wir in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erlebt haben, gesamthistorisch gesehen eine Ausnahme sind. Wir sind es nicht mehr gewohnt auf die Art und Weise zu leiden, die für viele Christen der Normalzustand ist. Und wenn dann Christen in der Öffentlichkeit unfair behandelt werden, dann empfinden wir das gleich als eine absolute Ungerechtigkeit. Denken wir nur mal an die Schlagzeilen über Felix Nmecha nach seinem Gebet nach dem Spiel gegen Curacao. Petrus hat darauf eine andere Perspektive. Zu den bereits angesprochenen Sklaven sagt er in 1Petr 2,20: „Aber wenn ihr um guter Taten willen leidet und es ertragt, das ist Gnade bei Gott.“ Ungerechtigkeit zu ertragen ist nicht einfach nur ein notwendiges Übel für Christen. Es ist Gnade! Denn aus der Ungerechtigkeit lässt Gott Segen erwachsen, wie vor allem am Beispiel von Jesu Leiden und Sterben deutlich wird. Deshalb sollen wir auch in Bezug auf das Leiden seinen Fußtapfen folgen, wie Petrus dann weiter ausführt. Ich merke, wie diese Haltung mir innerlich völlig widerstrebt. Aber genau das ist der Weg Jesu! Und weil dieser Weg meinem Herzen so widerstrebt, braucht es als allererstes eine Veränderung meines Herzens.
Zum Abschluss möchte ich noch einen Gedanken teilen, der mir vor Kurzem bewusst wurde. Wie oft ärgere ich mich über die Umstände in unserem Land und kann nicht verstehen, dass gewisse Probleme einfach nicht angegangen werden? Wie oft ärgern wir uns vielleicht auch über ähnliche Zustände in der Gemeinde? Einerseits sind Probleme oftmals viel komplexer als sie dargestellt werden oder als ich meine. Andererseits – und dementsprechend viel gravierender – muss ich mir die Frage stellen: Bin ich denn überhaupt bereit die Probleme in meinem Leben anzugehen? Oder ist es oft viel einfacher die Probleme anzuprangern, die andere lösen sollten, anstatt die Probleme meines Herzens vor Jesus offenzulegen? Im Status meines Kollegen Samuel Koser habe ich gerade gelesen: „Veränderung/Erweckung beginnt, wenn ich aufhöre, auf die Sünden anderer zu zeigen, und anfange, meine eigenen zu bekennen.“ Auch Jesus sagt ja, dass wir uns erstmal mit dem Balken in unserem Auge beschäftigen sollten, bevor wir Splitter bei anderen herausziehen. Ich glaube das ist ein guter Anfang, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.
Artikel geschrieben von: Dominik Cramer