Editorial: Fremdsprache Christentum

Morgens um sieben. Drei Wochen lang. Ein Gebetskreis mit Christen aus verschiedenen Gemeinden. Nach über 45 Jahren im Glauben und Begegnungen mit Christen aus unterschiedlichsten Glaubensprägungen dachte ich, mich kann theologisch nichts mehr überraschen. Bis jemand anfing, Dinge zu „segnen“.

Moment mal. Wir lehren doch: Gott segnet. Warum segnet dieser Bruder jetzt sein Frühstück, seine Arbeit, seinen Tag? Ich saß da wie ein Neueinsteiger in der Dogmatik-Vorlesung. Als dann am nächsten Morgen jemand anfing, Dinge zu „binden“ – „Ich binde jetzt diese Sorge“ – ratterte mein theologisch geschultes Hirn: Was geschieht denn hier im Moment?  Ich verstehe meine Glaubensgeschwister nicht. Ehrlich gesagt war mein erster Impuls: Glauben wir hier überhaupt dasselbe? Haben die sich theologisch verirrt?

Warum ich das erzähle?

Weil ich fast einen großen Fehler gemacht hätte. Fast hätte ich nach dem dritten Morgen aufgehört zu kommen. Fast hätte ich diese Menschen in die Schublade „fragwürdige Theologie“ gesteckt. Aber ich bin geblieben. Mir ist dabei etwas Wichtiges klar geworden: Wir können noch so viel Theologie studieren – wenn wir die geistlichen Dialekte unserer Geschwister nicht verstehen, reden wir aneinander vorbei. Nach ein paar Tagen dämmerte es mir: Der Mann, der Dinge „segnet“, bittet Gott genau dasselbe wie ich. Er verwendet nur andere Worte. Wenn er sagt „Ich segne diesen Tag“, meint er „Gott, bitte segne diesen Tag“. Wenn die Schwester etwas „bindet“, übergibt sie es Gott – genau wie ich, nur in ihrer Sprache.

Wir hatten drei Wochen lang dasselbe gebetet. Mit derselben theologischen Grundlage. Nur in verschiedenen christlichen Dialekten.

Ihr Ehemaligen kennt das doch auch: Im Studium habt ihr gelernt, zwischen Heiligung und Heilsgewissheit zu unterscheiden. In euren Gemeinden reden sie von „Jesus annehmen“ und „im Glauben wachsen“.

Ihr analysiert die Eschatologie – sie erwarten „Jesu Wiederkunft“. Ihr kennt die Pneumatologie – sie „leben im Geist“. Manchmal ist das theologische Vokabular wie eine Fremdsprache für die, die ihr erreichen wollt. Und umgekehrt.

Was hilft?

Erstens: Nicht beim ersten Befremden aufhören. Wenn dir jemand mit seiner geistlichen Sprache seltsam vorkommt – bleib dran. Hör genauer hin. Frag dich nicht „Stimmt seine Theologie?“, sondern „Was meint er wirklich?“ Oft entdeckst du: Ihr glaubt dasselbe, ihr sagt es nur anders.

Zweitens: Übersetzer werden. Gerade ihr als Ehemalige habt die einzigartige Chance: Ihr versteht die Theologie UND kennt eure Gemeinden. Eure Ausbildung hilft euch, hinter die Begriffe zu schauen. Nicht um zu korrigieren („Eigentlich heißt das…“), sondern um zu verstehen: Welche biblische Wahrheit drückt mein Gegenüber in seiner Sprache aus?  Und ihr könnt zwischen der Sprache der Theologie und der Sprache der Hauskreise dolmetschen. Das gab es zwar nicht als eigenes Modul am BSK – aber es ist vielleicht eine der wichtigsten Fähigkeiten für euren Dienst.

Nach all meinen Jahren im Dienst weiß ich: Die beste Theologie nützt nichts, wenn wir nicht die Sprache unserer Geschwister sprechen lernen. Vielleicht sollten wir mal ein Ehemaligen-Treffen zum Thema „Geistliche Dialekte“ machen. Mit Wörterbuch: Charismatisch-Evangelikal, Freikirchlich- Lutherisch, GenZ-Älteste.

Euer

Dietrich Mang

Übrigens: Falls ihr in euren Gemeinden auch manchmal „Übersetzungshilfe“ braucht: Eventuell bekommt ihr beim Vortrag von Albrecht Wandel „Einfach von Gott reden“ hilfreiche Impulse dafür. Vielleicht etwas für eure Mitarbeiter? Oder als Auffrischung für euch selbst?

Zum Vortrag (YouTube) 

Autor: Dietrich Mang, Direktor

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